Crufts 2026 und die Krönung der Qualzucht
Wenn anatomischer Schrott zum „Best in Show“ mutiert
Cheech


Es gibt Momente in der Geschichte der organisierten Rassehundezucht, in denen die Maske der Tierliebe derart krachend zu Boden fällt, dass selbst mir als hartgesottenem Zyniker kurz der Atem stockt. Am Sonntag, dem 8. März 2026, wurde auf der Crufts, der größten und medial am stärksten ausgeschlachteten Hundeausstellung der Welt, ein vierjähriger Clumber Spaniel namens „Bruin“ zum „Best in Show“ gekürt.1
Um dieses kynologische Trauerspiel in seiner vollen, absurden Pracht zu verstehen, müssen wir uns die verbandspolitische Heuchelei dahinter einmal genauer auf der Zunge zergehen lassen. Ausrichter der Crufts ist der britische Royal Kennel Club (RKC) unter Chairman Ian Seath – ein Mann, der sich in der Szene aktuell gerne als großer Reformer im Kampf gegen Extremzuchten feiern lässt und ein neues Gesundheits-Rahmenwerk ausgerufen hat. Und was macht dieser angebliche Reform-Club? Er lädt ausgerechnet den amtierenden FCI-Präsidenten Dr. Tamás Jakkel als Gastrichter für das wichtigste Finale des Jahres ein.2 Dieser wählt dann aus über 18.600 Hunden 1 ein Tier zum Sieger, dessen Phänotyp in der modernen Veterinärmedizin als absolutes Paradebeispiel für anatomische Extreme, schwere Hautfalten und hängende Lider steht.3 Die Doppelmoral trieft hier wirklich aus jeder Pore.
Als wäre der Hund nicht schon Tragödie genug, wirft ein Blick auf das andere Ende der Leine weitere Fragen auf. Präsentiert wurde der Clumber Spaniel von seinem Züchter Lee Cox.1 Dieser beschrieb seinen Hund im Siegestaumel lachend als „wandelnden Cartoon-Charakter in einem flauschigen weißen Mantel“.4 Genau das ist es, was aus ehemals funktionalen Arbeitshunden gemacht wurde: Karikaturen ihrer selbst, degradiert zu plüschigen Requisiten für das menschliche Ego.
Noch perfider wird es, wenn man weiß, dass dieser Handler in der Vergangenheit wegen Tierquälerei (animal cruelty) rechtskräftig verurteilt wurde.5 Er ließ einen Hund mit einer chronischen Ohrentzündung derart verrotten, dass das Ohr schließlich amputiert werden musste.5 Der britische Verband winkt das in hastigen PR-Statements als „isolierten Vorfall“ durch.5 Auf der renommiertesten Show der Welt überreicht der Chef des Weltverbandes also den höchsten Pokal an jemanden mit einer gerichtlich dokumentierten Tierschutz-Akte. Kann man sich echt nicht ausdenken.
Da wird von Seiten der Züchter und Verbands-Anzugträger unentwegt gejammert, wenn Ausstellungen von den „bösen Ämtern“ reglementiert werden. Da wird die ewig gestrige Lebenslüge gepredigt: „Kauft nur mit FCI- oder VDH-Papieren, das garantiert Gesundheit und Kontrolle.“ Bullshit! Der FCI und alle anderen großen Verbände waren noch NIE eine Garantie für gesunde Zucht.6 Sie waren und sind mitunter die primäre Ursache für Qualzucht und unendliches, stummes Tierleid.6 Papiere sind kein Gesundheitszeugnis, sie sind allzu oft nur das offizielle Zertifikat für die erfolgreiche Umsetzung von anatomischem Irrsinn.
Schauen wir uns diesen prämierten Rassestandard doch mal durch die schonungslose Linse der Veterinärmedizin an. Der Clumber Spaniel wird für ein bizarres Äußeres gefeiert, das eine Vielzahl von schweren genetischen Defekten in sich vereint:
Die Augenpartie wird von Züchtern gerne schwurbelig-poetisch als „Diamond Eye“ (Diamantauge) umschrieben.3 Mediziner nennen das schlicht Makroblepharon (eine abnorm vergrößerte Lidspalte).3 Das Auge schwimmt ungeschützt in einem viel zu großen Hautsack. Daraus resultiert zwingend ein Ektropium – das Auswärtsrollen des Unterlids, oft begünstigt durch das schiere Gewicht der massiven Kopfhaut und der Lefzen.7 Das offene Auge gleicht einer biologischen Mülltonne, die Staub, Wind und Schmutz ungefiltert auffängt. Als pathologischen Bonus gibt es in diesem Komplex oft noch das Entropium (die Einwärtsdrehung des Lidrandes) dazu.7 Die feinen Wimpern reiben bei jedem Blinzeln direkt auf der Hornhaut, was zu chronischen Entzündungen, Schmerzen und tiefen Hornhautgeschwüren führt.7
Dazu kommt das dermatologische Desaster: Die extreme Befaltung, im Showring als Rasse-typische „Substanz“ euphemisiert, führt unweigerlich zur Intertrigo (Faltendermatitis).8 Diese tiefen, feuchten Hauttaschen sind perfekte anaerobe Brutkästen für Staphylokokken und Hefepilze.8 Das Gewebe entzündet sich, nässt eitrig und verströmt oft den fauligen Geruch von zersetztem Gewebe.8 Und das Skelett? Ein Gewicht von teils über 34 Kilogramm 9 auf viel zu kurzen Beinen ist eine biomechanische Fehlkonstruktion, die massiv prädestiniert für Hüft- und Ellbogendysplasien (HD/ED) sowie schwere Bandscheibenvorfälle (IVDD) ist.10 Einen Hund, der ein solches pathologisches Sammelsurium darstellt, auf den Thron zu heben, ist eine absolute Bankrotterklärung.
Werfen wir mal einen Blick in den offiziellen FCI-Standard Nr. 109 für den Clumber Spaniel. Dort steht wörtlich, der Hund soll „fest, fit und fähig sein, einen Tag lang im Feld zu arbeiten“.9 Es bedarf keines Doktortitels in Biologie, um zu erkennen, dass ein 35-Kilo-Hund, dessen Sicht durch hängende Lider eingeschränkt ist, im Unterholz nach wenigen Metern kollabieren oder sich Äste in die offenen Augen rammen würde. Der absolute Hohn ist der Schlusssatz des Standards, der besagt, dass „nur funktionell und klinisch gesunde Hunde“ zur Zucht verwendet werden dürfen.9 Das ist ein wertloses, rhetorisches Feigenblatt, das Tierschutz vortäuscht, während im Ring exakt das Gegenteil belohnt wird.
Wenn ich in meinen Beiträgen Klartext rede, echauffieren sich bestimmte Kreise oft darüber, dass ich Hunde aus solchen Zuchtlinien als „genetischen Schrott“ bezeichne.11 Man wirft mir vor, das würde das Individuum herabwürdigen. Um das an dieser Stelle ein für alle Mal klarzustellen: Diese Bezeichnung ist explizit KEINE Wertung des Hundes als fühlendes Lebewesen, als Charakter oder als treuer Gefährte. Jeder Hund, egal wie kaputt er gezüchtet wurde, hat eine Seele und verdient grenzenlose Liebe und die bestmögliche medizinische Versorgung.
Der Begriff richtet sich ausschließlich und mit voller Wucht gegen die Verwendung dieses Organismus in der Zucht! 11 Ein genetisches Material, das derart mit Defektgenen für Dysplasien, Lidfehlstellungen und Immunschwächen durchsetzt ist, dass ein natürliches, schmerzfreies Leben unmöglich ist, ist für die Fortpflanzung objektiv unbrauchbar. Es ist Schrott.12 Wer diesen Begriff aus falsch verstandener politischer Korrektheit meidet, verschleiert nur die Verantwortung der Züchter, die dieses Leid wissentlich und willentlich produzieren.
Der Zeitpunkt dieser skandalösen Crufts-Entscheidung hätte politisch im Übrigen nicht brisanter sein können. In Großbritannien tobt exakt zu dieser Zeit eine massive Debatte über das neue "Innate Health Assessment" (IHA), ein Instrument, das Züchter davor warnen soll, Hunde mit extremen Konformationen (wie extremen Hautfalten oder verkürzten Beinen) zu verpaaren.13 Genau in dieses politische Pulverfass platziert der FCI-Präsident seine Entscheidung. Das ist kein Versehen. Das ist ein bewusstes Statement, ein Schlag ins Gesicht der tierärztlichen Wissenschaft und ein Signal an die Züchter-Basis: „Wir Verbände beugen uns nicht. Wir feiern unsere Extremzuchten, egal, was die Tierärzte sagen.“
Wir müssen aufhören, Pathologie als Ästhetik zu romantisieren. Ein eitriges, offenes Auge ist kein „Diamond Eye“, es ist Tierquälerei. Schwammige Hautlappen, in denen Bakterien florieren, sind keine „Substanz“, sie sind ein tägliches Martyrium für den Hund. Die Verbände werden sich niemals von innen heraus reformieren, solange die elitäre Showmaschinerie finanziell floriert. Der Wandel muss von außen erzwungen werden. Die Veterinärbehörden und der Gesetzgeber müssen noch wesentlich schärfer und unbarmherziger gegen jede Form der Qualzucht vorgehen. Und zwar so lange, bis auch der letzte Hinterhofvermehrer und der arroganteste Verbandsfunktionär in seinem Elfenbeinturm kapiert hat, dass Tiere keine formbaren Knetfiguren für narzisstische Hobbys sind.
Cheech aka DOGSMANIAC
Jetzt bist Du dran!
Na, was sagst du dazu? Ich bin gespannt auf deine Meinung, deine Erfahrungen, deine Kritik oder vielleicht sogar deine Zustimmung in den Kommentaren! Und wenn du denkst, dass dieser Artikel auch für andere interessant sein könnte, teile ihn gerne, damit wir gemeinsam etwas bewegen können. Ach ja, und folge meinem Profil, um keinen meiner zukünftigen Beiträge zu verpassen – es lohnt sich, versprochen!
Dein Kommentar zum Beitrag auf:
Referenzen:
Bruin the Clumber Spaniel Wins Crufts 2026 Best in Show https://www.bbntimes.com/society/bruin-the-clumber-spaniel-wins-crufts-2026-best-in-show
FCI President Dr. Tamás Jakkel chose the Clumber Spaniel male, Sh Ch Vanitonia Soloist, Breeder-Owner-Handled by Lee Cox, as his Best In Show winner at Crufts 2026. | Canine Chronicle https://caninechronicle.com/featured/fci-president-dr-tamas-jakkel-chose-the-clumber-spaniel-male-sh-ch-vanitonia-soloist-breeder-owner-handled-by-lee-cox-as-his-best-in-show-winner-at-crufts-2026/
Ophtlalmology - Disorders - eye-vet-surgery https://www.eyevetsurgery.gr/disorders
Bruin the Clumber spaniel wins best in show at Crufts https://www.the-independent.com/news/uk/home-news/bruin-clumber-spaniel-crufts-2026-best-in-show-b2934479.html
Handler of Crufts 2026 winner has previous conviction for animal cruelty https://www.the-independent.com/bulletin/news/crufts-champion-2026-lee-cox-animal-cruelty-conviction-b2935063.html
Dogzines Beitrag https://www.facebook.com/TomasSchwa/posts/pfbid02PMwidX3NGLFXocK68jydJ46cuFXPHR2TyrDTz1Y4q94wkhUn8A573UkPpMXBKgvnl
Conformational eyelid disorders in dog breeds - Veterinary Ireland Journal https://www.veterinaryirelandjournal.com/small-animal/404-conformational-eyelid-disorders-in-dog-breeds
Skin fold dermatitis in dogs - PDSA https://www.pdsa.org.uk/pet-help-and-advice/pet-health-hub/conditions/skin-fold-dermatitis-in-dogs
FCI Standard No https://www.fci.be/Nomenclature/Standards/109g08-en.pdf
Understanding Clumber Spaniel Health Problems: What Every Owner Should Know https://www.houndsy.com/blogs/modern-tails/understanding-clumber-spaniel-health-problems-what-every-owner-should-know
Qualzucht und Übertypisierung: Das schwere und kurze Leben der ... https://www.ralph-rueckert.de/blog/qualzucht-und-uebertypisierung-das-schwere-und-kurze-leben-der-uebergrossen-hunderassen/
Hundezucht — Gut und böse - Medium https://medium.com/@nbrede/hundezucht-gut-und-b%C3%B6se-60f374afb137
CRUFTS: Best in Show winner on list of 67 dog breeds campaigners claim could be ‘banned’ – but is your dog really at risk? https://swanseabaynews.com/crufts-best-in-show-winner-on-list-of-67-dog-breeds-campaigners-claim-could-be-banned-but-is-your-dog-really-at-risk/
Hinweis:
Gerne darfst du diesen Artikel verlinken oder in sozialen Netzwerken teilen. Für jegliche Vervielfältigung oder Nachveröffentlichung, auch auszugsweise, ist meine vorherige schriftliche Zustimmung erforderlich. Ausnahmen bedürfen einer gesonderten Absprache. Bei Zuwiderhandlungen behalte ich mir rechtliche Schritte vor. Im Falle einer Genehmigung muss der Artikel unverändert bleiben; Änderungen oder Umwandlungen in andere Dateiformate, wie z.B. PDF, sind nicht zulässig. Bei Veröffentlichung in Printmedien sind die vollständigen Quellenangaben inklusive meiner Homepage www.dogsmaniac.de anzugeben. Bei Online-Nachveröffentlichung ist zusätzlich ein anklickbarer Link zu meiner Homepage oder dem Original-Artikel im Blog erforderlich. Bitte beachte, dass dieser Beitrag neben kritischen Betrachtungen auch Spuren von Ironie und Sarkasmus enthalten kann. Selbstverständlich gibt es zahlreiche Ausnahmen, die weder von der Kritik noch von den ironischen oder sarkastischen Elementen betroffen sind. Leserinnen und Leser, die sich diesen Ausnahmen zugehörig sind, sind nicht persönlich angesprochen.
DOGSmaniac © 2023-∞ R.M. "Cheech" Vecchiatto
Website-Builder & Webhosting: https://www.hostinger.de/


